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IKONEN 2.0

Alexander M. Winn - Ikonen 2.0
Tore in die Unendlichkeit des Göttlichen, aber anders!

Die Würde und der Charme alter Ikonen liegt in ihrer kommunikativen religiösen Sicherungsleistung.

Kennt der Gläubige den biblischen Bezug, ihren Einsatzort im Kult und die oft wunderbaren Auswirkungen des Gebets zu der Ikone, ist ein sicherer und sichernder Zugang in die Geheimnisse des Glaubens möglich.

Dieser Umgang mit Ikonen setzt eine verlässliche Tradierung der kirchlichen Lehre und einen zuverlässigen Bildungsstand der Gläubigen voraus, die die Ikonen lesen können. In der Geschichte der Ikonen ist daher der Grat zwischen strengem Reglement der Farben und Formen von religiösen Gehalte und dem unverwechselbarem künstlerischen Schöpfertum denkbar schmal.

Inhaltlich bewegen sich die Ikonen seit den bilderfreundlichen Festlegungen der Kirche im 8. und 9. Jahrhundert in einer Zerreißprobe. Einerseits sind Darstellungen des Göttlichen mit dinglichen Mitteln definitiv nicht möglich, andererseits können Ikonen als Leitern in Form von Analogien oder eben Toren zum Göttlichen gemalt und wichtiger noch, gesehen und verstanden werden.

Der Künstler Alexander Merian Winn (geb. 1958, lebt in Leipzig) hat sich seit ca. 20 Jahren dem Thema Ikonen verschrieben, aber anders!
In der Moderne haben sich sowohl das Selbstverständnis der Künstler als auch das der Bildbetrachter grundlegend gewandelt.

Das Reglement hat sich zugunsten der künstlerischen Freiheit nahezu aufgelöst. Das religiöse Wissen und Selbstverständnis der Betrachter sind keineswegs mehr selbstverständlich.

Alexander M. Winn kennt diese Situation sehr genau und hat sich trotzdem stürmisch den Ikonen gewidmet, ohne auch nur im mindesten sein explizit modernes Künstlertum aufzugeben. Wie geht er vor?
Seine Grundvoraussetzung liegt in der Erkenntnis, dass bestimmte Bilder über die Jahrhunderte hinweg eine starke spirituelle und emotionale Lust beim Betrachter erzeugen. Auf der Suche nach einer adäquaten zeitgenössischen Form für dieses unaufhörlich sprudelnde Bildpotential ist er beim Medium des computergenerierten Bildes fündig geworden.

In einem schieren Schaffensrausch entwickelte er während eines Jahres (2012/13) fast tausend Verwandlungen klassischer Ikonen, aber auch anderer, für ihn gleichwertiger Bilder aus der europäischen Geschichte, in farbsprühende Computerbilder. Winn versteht Ikonen als faszinierende Lichtereignisse, die einer besonderen Präsentationsform bedürfen.

Einmal zeigt er daher seine Ikonen als große Leuchtkästen, die wie Edelsteine an der Wand hängen. Der Betrachter kennt diese Form aus der Werbung, doch hier machen der Inhalt und der Verbund mit den anderen beiden Präsentationsformen den Unterschied aus. In der Werbung geht es um den kurzen Blickfang, in Alexander Merian Winns Ikonen geht es um die dauerhafte Intensität des leuchtenden Bildes.

In der Werbung ist der Witz nach dem ersten Hinschauen verpufft,
die aus sich heraus leuchtenden Ikonen laden zur langen meditativen Betrachtung ein. Als zweite Form wählt Winn große Fernsehmonitore, die die neuen Ikonen als Endlosschleife zeigen. Platon verglich das Denken einmal mit der Arbeit an einer Töpferscheibe. Von außen geht man an das Werkstück heran, bearbeitet es bis zu einem gewissen Punkt und muss dann wieder davon lassen.

Auch in diesen Endlosschleifen der Ikonen wird der Betrachter durch die betörenden und verstörenden Verwandlungen des immer gleichen Motivs in einen tiefen Versenkungszustand geführt, der in diesem Leben jedoch nie von Dauer sein kann. Die äußere Zeit spielt keine Rolle mehr im Moment der Betrachtung keine Rolle mehr, die Bilder führen in den inneren Kern der Seele. In der dritten Präsentationsform zeigt Alexander M. Winn seine leuchtenden Ikonen auf speziellen 3D-Monitoren, die nur mit einer interaktiven Spezialbrille angesehen werden können. Die klassischen Ikonenmaler präsentierten durch die ständige Wiederholung eines Bildtypus den, im damaligen religiösen Kontext, unmissverständlichen Hinweis auf die Unmöglichkeit der Darstellung des göttliches Urbildes und die gleichzeitig unstillbare Sehnsucht nach einem menschlich zugänglichen Antlitz des Göttlichen!

Alexander M. Winn wählte den umgekehrten Weg, indem er dasselbe Bild in immer neuen Farbvariationen erzeugt. Aufgrund der extremen Zahl der Arbeitsschritte kann jedoch keine der Varianten nochmals entstehen, jede ist ein Original. Er hatte bei jeder einzelnen Bildversion eine eigene Vorstellung, die er dann durch technische Prozesse umsetzte. Eine Besonderheit liegt darin, dass Winn Bilder erzeugte, die nur unter bestimmten technischen Bedingungen (interaktiver 3D-Modus des Bildschirms kombiniert mit interaktiver 3D-Brille) allein im Kopf des Betrachters existieren, keinesfalls in der wahrnehmbaren dinglichen Bildrealität.

Sie ermöglichen einen Blick in Bildräume, die im selben Bild in die Unendlichkeit zu führen scheinen, in manchen dieser Bilder gehen sogar an verschiedenen Stellen Unendlichkeiten in die Tiefe.
Unendlichkeit ist zunächst ein Gedanke im Kopf des Denkers, Betrachters, Gläubigen. Im Laufe der Geschichte haben Künstler immer wieder mit unterschiedlichen Strategien daran gearbeitet, Unendlichkeit darzustellen, da sie als eine angemessene Analogie zur Darstellung des Göttlichen begriffen werden kann. Durch eine prinzipiell endlose Bilderkette wird dieser Gedanke bei Alexander Merian Winn anschaulich erlebbar, ohne dass sein spiritueller Inhalt mit dem realen Bild verwechselt werden könnte und er damit verloren ginge.

In der dinglichen Realität ist das computergenerierte Bild auf dem 3D-Bildschirm nämlich nicht sichtbar, das Bild ist analog zu Gott nur im Innern des Menschen in einem sehr komplexen Sinne wahrnehmbar. Doch nicht nur in der Form ist Alexander Winn ein kongenialer, moderner Ausdruck der Ikonenmalerei gelungen.

Er wählte konsequent bestimmte inhaltliche Bildtypen über den Fundus der klassischen Ikonen hinaus für dieses Projekt aus, die sich auf die archetypischen Grundbestimmungen des Menschseins beziehen. An erster Stelle steht hier die Mutter-Kind-Konstellation, Maria mit Jesus (Donskaya, Lam Elousa 15. Jhd., Tichvine 17. Jhd., Angelos Virgine 15. Jhd. u.v.m.) . Da die radikale Endlichkeit zu jedem Leben dazugehört, sind für ihn auch die Bilder von Schmerz (psychisch und physisch), Sterben und Tod unabdingbar. Hier verwandelt Winn Beweinungen (Holbein 1521, Carracci, Champaigne, Grünewald, Mantegna u.a.), Kreuzabnahmen (Caravaggio, Fiorentino, Rubens u.a.) und vor allen Dingen die Grablegung von Holbein (Basel 1521) in seinen irisierenden Farbbildstrom. Diese Bezugnahme auf alte Kunstwerke versteht Alexander M. Winn als Eröffnung eines neuen Möglichkeitsraumes, der dem modernen Betrachter eine emotionale sowie auch spirituelle Verknüpfung und Interpretation des eigenen Erlebens mit dem vergangener Generationen anbietet. Wenn der Begriff der religiös gedeuteten anthropologischen Grundgegebenheiten wie Geburt, Liebe, Schmerz und Tod einen nachvollziehbaren Sinn haben soll, so kann man ihn hier in seiner abgründigen Mehrdimensionalität tatsächlich sehen.

Mütterliche und zwischenmenschliche Liebe, Caritas und Amor sind keine theoretischen Worte, sie werden immer auch in allen Generationen leibhaftig erlebt. Wie steht es mit der göttlichen Liebe? Tausend Bilder sind bloß ein kurzer Wimpernschlag und doch wollen wir auf keines verzichten. Die unterschiedlichen Farbfassungen derselben "Grundbilder" eröffnen dem Betrachter einen verführerischen Zugang in den unendlichen Brunnen seiner individuellen Seele, der historischen Vergangenheit, aber auch in die rein geistigen Dimensionen des Göttlichen über die Analogien der Sinnlichkeit.

Die Bilder Alexander Merian Winns sind in dieser Hinsicht Ikonen auf der Höhe des modernen Kunstverständnisses. Sie ziehen die Blicke lustvoll auf sich, machen unendlich neugierig auf die dargestellten Inhalte und zeigen, dass Religion sich mit dem beschäftigt, was dem Menschen bis heute unwiderruflich nahe ist Schmerz, Liebe, Tod und - die Frage nach Gott.
Die Kirche St. Michael im Frankfurter Stadtteil Sossenheim war vor Weihnachten 2013 Ort der allerersten öffentlichen Präsentation der neuen Ikonen. Sie leuchteten in der Dunkelheit, zogen in ihren Bann und erfüllten die Betrachter mit Licht. Wo werden sie wieder glühen und ihre Kraft entfalten?

Dr. habil. Iris Maria Gniosdorsch
Frankfurt/ Main März 2014

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